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vom 01.02.2017

Verordnung lässt auf sich warten

Gute Erfahrungen mit Programm zur Stickstoffreduzierung - Hohe Konzentrationen, weil Regen fehlte

Von Karl-Friedrich Kassel

Lüchow. Seit im November die EU-Kommission ein Verfahren wegen Vertragsverletzung gegen Deutschland in Gang setzte, schafft es das Thema Nitrat im Grundwasser in die Schlagzeilen. Viele Jahre wurde lieber geschwiegen, von Interessen-verbänden sowieso, aber auch von Politik und Behörden. Anläufe zu einer besseren Kontrolle von Güllemengen, die auf den Äckern landeten, blieben stecken. Gerade erst wurde eine neue Gülleverordnung, von Wasserwirtschaftlern sehnlichst erwartet, aufgeschoben. Die CDU/CSU möchte laut Medienberichten Gärreste aus Biogasanlagen lieber nicht in die Nährstoffbilanzen einrechnen. Außerdem will sie das Bußgeld bei Verstößen von maximal 250000 Euro im Entwurf auf 100000 Euro verringern. Die SPD droht mit Ablehnung, weil "zu viele Hintertüren" bei der Bilanzierung der Nährstoffströme vorgesehen seien.

Bild: Das Ausbringen von Gülle auf landwirtschaftliche Flächen ist Teil des Nitratproblems in Lüchow-Dannenberg. Nach Auffassung des Experten des NLWKN gebe es aber sehr wohl Lösungsansätze, um die überhöhten Nitratwerte zu reduzieren.  Archivaufn.: R. Groß

Nitrat entsteht im Boden vor allem aus organischen tierischen Abfällen, Gülle, Hühnertrockenkot, Biogas-Gärresten. In der Landwirtschaft werden diese zur Düngung verwendeten organischen Stoffe als Wirtschaftsdünger bezeichnet. Der Wasserwirtschaft bereiten sie Kopfzerbrechen. "Die Organik macht uns Sorgen", erklärt Gerald Nickel vom Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) in Lüneburg. Weil nur ein kleiner Teil des Düngers sofort für die Pflanze verfügbar sei, wird ein anderer Teil zu Nitrat und versickert im Boden. In Lüchow-Dannenberg hat das NLWKN einen großen Teil östlich der Jeetzel rot als nitratbelastet gekennzeichnet (EJZ berichtete).

Die Landwirtschaft empfindet schon die öffentliche Diskussion über Nitrat als ungerechten Angriff auf sich. Für Lüchow-Dannenberg kann sie sich dabei sogar auf den von ihr ungeliebten niedersächsischen Landwirtschaftsminister Christian Meyer berufen. Dessen Ministerium hat die NLWKN-Wasserwirtschaftler in die Schranken gewiesen. Gestützt auf Daten der Landwirtschaftskammer, hat das Ministerium jede Überdüngung des Bodens im Landkreis ausgeschlossen (EJZ berichtete). Im Gegenteil, wegen des Mangels an organischem Dünger müsse mit Mineraldünger nachgeholfen werden.

Noch ablehnender gegenüber den NLWKN-Feststellungen ist der Bauernverband Nordost-Niedersachsen (BV NON). Der verweist darauf, dass es nach einer bundesweiten Statistik keine Verschlechterung in der Situation des Grundwassers in Deutschland gebe, sondern vielmehr eine leichte Besserung. "Die Stickstoff-Überdüngung in der Landwirtschaft ist deutlich zurück gegangen", erklärt Johannes Heuer vom Bauernverband in Lüchow.

Gemeinsam mit Kreislandwirt Adolf Tebel entwirft Heuer ein Szenario, in dem eine durch Überdüngung ausgelöste Nitratauswaschung ins Grundwasser praktisch nicht vorkommen kann. "Die Kontrollen und die Dokumentation des Nährstoffaufkommens sind auf einem hohen Level", erklärt Tebel. In einer Schlagkartei müsse genau angegeben werden, was dort etwa an Düngung ausgebracht wird. Was er nicht sagt: Offenbar müssen längst nicht alle Betriebe solche Nachweise führen. Selbst in den bisher schärfsten Formulierungen, wie sie der Entwurf der neuen Gülle-Verordnung vorsieht, wären nur acht Prozent der Betriebe dazu verpflichtet. Auch Kreislandwirt Tebel, der Lüchow-Dannenbergs Vertreter im Vorstand des BV NON ist, muss einräumen, dass eine durchgehende Kontrolle eigentlich nicht möglich ist. Dazu müsste ein Kontrolleur schon neben jedem Viehstall stehen und den Gülletransport daraus bis zum Ausbringen auf dem Acker verfolgen, meint er.

Allerdings glaubt er, dass es bei den bäuerlichen Landwirten keine Betrügereien gibt. Auf die Frage, wer seiner Meinung dafür in Frage kommt, hat er eine knappe Antwort: "Die Gewerblichen." Gemeint sind landwirtschaftliche Großeinheiten in der Tierhaltung, die nicht mehr von Familien betrieben werden, sondern nach industriellem Muster und mit Investorengeldern arbeiten. Dass sich ein Vertreter des Bauernverbandes kritisch äußert über diese gewerblichen Branchenkollegen, ist eher nicht die Regel.

Andere Verteidiger der Landwirtschaft in der Nitratfrage gehen noch weiter. Sie bezweifeln, dass Landwirtschaft oder Düngung überhaupt etwas damit zu tun haben. Solchen und ähnlichen Zweifeln an den von ihnen ermittelten Messwerten, die an drei Brunnen östlich der Jeetzel eine Überschreitung des Grenzwertes von 50 Milligramm je Liter Grundwasser bis zum Dreifachen ergaben, begegnen die Wasserwirtschaftler des NLWKN mit dem Hinweis auf ihre Methoden. In der Vergangenheit sei bei den Darstellungen von Nitratwerten tatsächlich Schräges passiert und seien Äpfel mit Steckrüben verglichen worden. Aber inzwischen seien die Messmethoden "durchdekliniert". "Der Kausalzusammenhang zwischen Ackernutzung und Nitratausträgen ins Grundwasser ist völlig klar und eindeutig", erklärt NLWKN-Vertreter Nickel. Aber ein gemessener Nitratwert allein wird nicht zu einer Aussage über eine Gefährdung des Grundwassers reichen. "Die Ergebnisse der Messstellen bedürfen einer umfangreichen Interpretation", meint Nickel. Erst im Zusammenhang mit anderen Umständen wie Bodenqualität, Wetter, Niederschläge, Beregnung erhält demnach ein Messwert seine Aussagekraft. Deshalb könne man Zufallswerte ausschließen, meint man beim NLWKN.

Einig ist man sich dort mit der Landwirtschaft in der Frage, woher die heute gemessenen Werte kommen: aus der Vergangenheit. Sie zeigen an, was zum Teil vor Jahrzehnten an der Erdoberfläche vor sich ging. Das heißt laut NLWKN jedoch nicht, dass die Zukunft unbedenklich ist. Im Gegenteil. In Zusammenarbeit mit den Geologen vom Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG) haben die Wasserwirtschaftler schon 2013 Prognosen über die Risiken für die Grundwasserbelastung erstellt. Nach dieser Vorhersage wäre im Jahre 2021 fast die gesamte Karte Niedersachsens rot eingefärbt, einschließlich Lüchow-Dannenbergs. Grüne Flächen für Grundwassergebiete ohne Risiko der Nitratbelastung gebe es danach auch im Landkreis nicht mehr.

Dabei sind die Risikofaktoren für diese Region nicht etwa ein hohes Gülleaufkommen. Auch darin bestätigt die Landesbehörde die Landwirtschaftskammer. Aber weil es in Lüchow-Dannenberg wenig regnet, gibt es wenig Wasser, das im Boden versickert. Bezogen auf diese Menge Sickerwasser kann der Überhang organischer Düngung trotz absolut niedriger Werte hoch sein.

Aber es gibt Abhilfe. "Man kann eine Menge machen", meint NLWKN-Vertreter Nickel. Ganz wichtig sei die Nährstoffbilanz pro Betrieb auf alle Betriebe auszuweiten. Überschreitungen müssten mit Bußgeld geahndet werden. "Bisher wurden solche Fälle nur zur Kenntnis genommen", erklärt Nickel.

Es gibt Landwirte, die sich bereits auf neue Verhältnisse eingestellt haben. Sie nehmen seit Jahren an einem Programm zur Nitratreduzierung teil. Auch bisher hatten die meisten von ihnen ihre Düngermengen schon kontrolliert. "Ich habe eigentlich gedacht, ich weiß das schon", meint etwa Markus Kaufmann aus Trabuhn. Aber er wurde eines Besseren belehrt. Im Laufe des Programms, durch intensive Düngerberatung und Planung, sei "einiges dabei herausgekommen". Früher sei die Dokumentation vielleicht nicht so detailliert gewesen wie durch die Beratung in diesem Programm. Alle drei bis vier Jahre gibt es außerdem eine Bodenuntersuchung. Vor der letzten Düngung jeden Jahres wird untersucht, wie viel Stickstoff noch im Boden vorhanden ist. Die Erfahrungen sind offenbar so überzeugend, dass Kaufmann wohl auch dann weitermachen würde, wenn das Programm und seine Finanzierung ausliefe. Ähnliches gilt für Holger Busse in Dangenstorf. Angefangen habe er mit einem Wert von 60 Kilogramm Stickstoffüberschuss je Hektar. Heute liege sein Wert bei 45. Auf die neue Düngeverordnung seien sie als Teilnehmer dieses Reduktionsprogramms gut vorbereitet. Für die Wasserwirtschaftler bedeutet das geplante neue Regelwerk Hoffnung: "Wir hoffen auf die neue Gülleverordnung", erklärt NLWKN-Vertreter Nickel. "Lüchow-Dannenberg hat eine gute Aussicht, dauerhaft unter dem Grenzwert von 50 Milligramm zu bleiben." Wenn man etwas dafür tut.

http://www.ejz.de/ejz_50_111263592-28-_Verordnung-laesst-auf-sich-warten.html


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