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vom 23.12.2016

Ungute Doppelrolle der Landwirtschaftskammer

Lüchow-Dannenberg: Im Osten hohe Nitratwerte

Von Karl-Friedrich Kassel

Lüchow. Es war keine Überraschung, als die EU-Kommission im vergangenen Monat ein Verfahren gegen Deutschland wegen der Verletzung einer Richtlinie zum Schutz des Grundwassers vor Nitrat eröffnete. Im Frühjahr hatte die Kommission diesen Schritt angekündigt für den Fall, dass die deutsche Regierung nicht mehr als bisher tun werde gegen die Belastung des Wasserkörpers, aus dem in Deutschland mehr als 70 Prozent des Trinkwassers gewonnen wird. Zum Zeitpunkt der Ankündigung war die Richtlinie schon nicht mehr ganz neu. Die Bundesregierung hatte ihr zugestimmt. Doch was die Regierung anschließend bei der Umsetzung tat, entsprach nicht den verabschiedeten Regeln, fand die Kommission. Schließlich steige der Nitratwert im Grundwasser in ganz Deutschland beständig an.

Bild: Die Gewässerschützer sehen die Ursache für die Nitratbelastung in der Landwirtschaft: Dünger, der ins Grundwasser gespült wird. In Lüchow-Dannenberg liegt die Belastung zwar unter dem Landesschnitt. Teilweise sind die Grenzwerte trotzdem deutlich überschritten.

Und wie ist das in Lüchow-Dannenberg? Da sind die Verhältnisse nicht nur auf den ersten Blick verwirrend. Die Untere Wasserbehörde in der Kreisverwaltung räumt ein, dass es östlich der Jeetzel einen Kon-trollbrunnen gibt, bei dem ständig zu hohe Nitratwerte gemessen werden. Westlich der Jeetzel dagegen lägen die Nitratbelastungen an der Nachweisgrenze.

Nitrat entsteht im Boden und in Gewässern durch bakteriellen Abbau von eiweißhaltigen Stoffen. Den Nachschub für diese Stoffe liefern die Ausscheidungen insbesondere von Tieren. Als Stickstofflieferant wird Gülle oder Hühnertrockenkot zur Düngung ausgebracht. Dann heißt Gülle "Wirtschaftsdünger" und wird zwischen landwirtschaftlichen Betrieben gehandelt, und zwar landesweit. Laut Internet ist Nitrat in der Höhe des Grenzwertes ungiftig. Der Grenzwert liegt bei 50 Milligramm je Liter Wasser. Gefahr entsteht erst durch das Umwandlungsprodukt Nitrit, vor allem für Säuglinge. Aber Nitrat ist auch ein allgemeiner Anzeiger für die Wasserbelastung mit Stickstoff.

Eine Karte des Landesbetriebes für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) zeigt zwischen Drawehn und Jeetzel, im sogenannten westlichen Jeetzel-Lockergestein, nur grün an. Grün steht für eine gute Qualität des Grundwassers. Andererseits zeigt dieselbe Karte im östlichen Jeetzel-Lockergestein bis etwa zur Nemitzer Heide und zwischen Elbe und Altmarkgrenze durchgehend eine rote Fläche. Rot steht für schlecht.

Genaueres ergibt eine Übersicht über Messergebnisse. Die Daten wurden zwischen 2007 und 2013 jährlich, manchmal mehrmals jährlich, erhoben. Die Messstellen liegen in Dangenstorf, Klein Gusborn und Schmarsau. Entgegen der Auskunft aus der Kreisverwaltung lagen alle drei Messbrunnen bei den letzten mitgeteilten Proben über dem Grenzwert: in Klein Gusborn bei über 60 Milligramm, in Schmarsau bei mehr als 97 Milligramm und in Dangenstorf sogar bei knapp 164 Milligramm.

Die Überschreitungen der Nitratgrenzwerte in den drei Messbrunnen sind keine Einzelfälle, keine Ausrutscher. Sicher, in Klein Gusborn lag der Wert vor neun Jahren tatsächlich nahe null. Aber dann stieg er stetig an, mit großen Schwankungen zwar, aber mit klarer Tendenz: über 30 Milligramm 2011, über 40 ein Jahr später, über 60 in 2013.

An den beiden anderen Mess-punkten war schon vor neun Jahren viel mehr Nitrat im Grundwasser als für Trinkwasser zulässig ist. In Dangenstorf beginnt die Messreihe bereits 2007 mit 177 Milligramm je Liter Grundwasser. Der Wert schwankt seitdem nur geringfügig. Schmarsau startete mit knapp 100 Milligramm, also dem Doppelten des Grenzwertes. Seither hält sich dieser Wert auf gleicher Höhe.

Trotzdem brauchen die Lüchow-Dannenberger bei ihrem Trinkwasser-Verbrauch nicht auf Mineralwasserflaschen umzustellen. Die Wassergewinnungsgebiete, aus denen ihr Trinkwasser kommt, liegen außerhalb der vom NLWKN rot gekennzeichneten Kreisfläche. Was nicht heißt, dass es dort überhaupt keine Nitratbelastung gibt. Deshalb müsste auch dort mit Argusaugen darauf geachtet werden, wie viel Dünger, wie viel Gülle auf den landwirtschaftlichen Flächen landet.

Eine solche Aufsicht war früher einfach. Da wurde die für einen landwirtschaftlichen Betrieb zur Verfügung stehende Fläche ins Verhältnis gesetzt zu den dort gehaltenen Tieren. Mit der Veränderung der Agrarstruktur ist dieser Zusammenhang längst überholt. In einigen Regionen wird so viel Vieh gehalten, dass es dort viel zu viel Gülle gibt, gemessen an der Fläche. Laut Nährstoffbericht der Landesregierung bräuchte zum Beispiel die Region Weser-Ems 41000 Hektar mehr als sie hat, um die in ihr anfallende Nährstoffmenge aufnehmen zu können. Die niedersächsische Landesregierung befürwortet deshalb einen sogenannten Nährstoffausgleich. Das bedeutet: Von dort, wo zu viel Gülle produziert wird, soll der Überschuss in andere Gegenden des Landes gebracht werden. Zu diesen Gülle-Importregionen gehört Lüchow-Dannenberg.

Im Einzelnen gibt es detaillierte Vorschriften darüber, wer wie viel Nährstoffe in Form von Gülle oder Ähnlichem produziert und ausbringt. Landwirte müssen darüber akribisch Nachweise führen. Kontrolleur ist die Landwirtschaftskammer. Die ist gleichzeitig eine Einrichtung zur Förderung der Landwirtschaft. Der Landesrechnungshof hat mehrfach angemahnt, dass die beiden Funktionen nicht klar genug getrennt seien. Der Rechnungshof meinte den finanziellen Aspekt dieser Kombination. Aber auch inhaltlich ist das Zusammentreffen von Kontrolle und Förderung zweifelhaft, ein institutionalisierter Interessenkonflikt. Es ist so, als ob Bäcker statt vom Gewerbeaufsichtsamt von der Handwerkskammer kontrolliert würden, oder die SKF von der Industrie- und Handelskammer. Mehr als zwei Prozent aller landwirtschaftlichen Betriebe können jährlich ohnehin nicht geprüft werden.

Wenig Klarheit gibt es darüber, wer die Übersicht über die Gesamtmengen behält. Niemand kennt auf Anhieb die Zahlen zum Beispiel jener Güllemenge, die nach DAN importiert wurde. Die Landesregierung muss erst noch recherchieren. Die Nährstoffberichte enthalten lediglich Gesamtzahlen für das Land Niedersachsen. Die sind alarmierend genug. Der dritte Nährstoffbericht aus diesem Jahr zum Beispiel erkennt einen "dringenden Handlungsbedarf zur Reduzierung der Nährstoffüberschüsse". Bei der Menge an Nährstoffen, die aus einer Überschussregion in andere Regionen gebracht wurden und dort auf und im Boden landeten, betrug der Anstieg 14 Prozent oder 400000 Tonnen. Für den regionalen Gülle-Import gibt es solche Angaben nicht.

Weder die Kontrollmechanismen, noch die Datenerfassung reichen offenbar aus, den Ursprung der Nitratbelastung im Grundwasser unter Kontrolle zu halten. Was eine Arbeitsgruppe des Bundeslandwirtschaftsministers 2012 dazu vorschlug, würde daran nichts ändern: Wer zu viel Gülle ausbringt, würde zur Beratung geschickt. Wo? Bei der Landwirtschaftskammer. Sanktionen sind nicht vorgesehen. Für die EU-Kommission dürften Vorschläge wie diese eher eine Motivation gewesen sein, das Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland in Gang zu setzen.

http://www.ejz.de/ejz_50_111245170-28-_Luechow-Dannenberg-Im-Osten-hohe-Nitratwerte.html

 


Bezugsquelle:

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