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vom 17.11.2014

Unruhe in der Nebelwand

ANU-Vortrag über die „Psychologie des Wachstums" ließ Zuhörer ohne Nährwert zurück

fk Lüchow. Die Menschen ahnen es längst: So, wie es ist, geht es nicht lange weiter. Aber wie es anders gehen könnte, vor allem wie man dahin kommt, ohne in die große persönliche oder gesellschaftliche Katasrophe zu geraten - das ist eine große Nebelwand. Die Ungewissheit, wie es dahinter weitergeht, hängt vom ersten Schritt der Veränderung ab. Orientierung ist gefragt angesichts der komplizierten Verhältnisse. Jemand, der eine Perspektive weisen könnte. Das war der Anspruch von Malo Vidal, dem Referenten des Arbeitskreises für Natur und Umwelt (ANU) in der vorigen Woche in Lüchow. Kaum zu glauben, dass am Ende der Veranstaltung auch nur einer der Zuhörer klüger war als zuvor.

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Lieferte kaum Erhellendes zum Thema „Psychologie des Wachstums": Malo Vidal. Rechts Hermann Klepper vom Arbeitskreis für Natur und Um-
welt. Aufn.: K.-F. Kassel


Wie 'der Zwang zum Wachstum Besitz ergriffen hat von unserer Psyche - das war der Erklärungsanspruch des Referenten, der in Leipzig laut ANUInternetseite an einem Wohnprojekt beteiligt ist, mit dem zukunftsfähige Lebensformen erprobt werden sollen. Nicht weniger als die „Psychologie des Wachstums" war angekündigt. Der Referent bediente sich dazu der Begrifflichkeit von italienisch-französischen Diskursen der 70er- und 80er-Jahre - La Cancan, Guattareuze, um auch einmal ein paar Namen fallen zu lassen, wie es Vidal gerne tat.

Da erfuhren die Zuhörer also, dass es um die „Dekolonisierung des Imaginären" geht. Denn das Wachstum habe sich in unseren mentalen Strukturen verankert. „Unser Wohlstands-verständnis hängt eng mit materiellen Dingen zusammen." Wer hätte das gedacht. Als Gegenbeispiel empfahl Vidal ein neues Verständnis von Armut. Denn reich könne sein, wer materiell arm, dafür aber in einer sozialen Umgebung aufgehoben sei. Solche und ähnliche, bis zur Banalität bekannten Einsichten brachten Unruhe unter die Zuhörer. Früher als geplant wurde dazwischengefragt. Eine Zuhörerin meldete ihr Bedürfnis ah, nun endlich etwas zu hören, was dem versprochenen Thema entsprach, wie der Zwang zum Wachstum in die Psyche eindrang. Doch viel mehr als den Verweis auf die Werbung erfuhr sie darüber nicht. Auch das hat in den 60er-Jahren des vorigen Jahrhunderts der Verbraucheranwalt und spätere Präsidentschaftskandidat Ralph Nader unter dem Titel „Die geheimen Verführer" umfassender abgehandelt.

Was richtig ist, kann auch wiederholt werden, selbst wenn es bekannt ist. Aber es sollte wenigstens der Erklärung dienen, die bessere Einsicht fördern. In diesem Vortrag wurde nur längst Bekanntes zusammengetragen, Stichwort geplanter Verschleiß. Dass unsere wunderbare Warenwelt so eingerichtet ist, dass möglichst bald Neues gekauft werden muss, sei es durch eingebaute Schwachstellen oder durch Modewechßel, wurde in der kritischen Ökonomie der 70er-Jahre hoch und runter diskutiert. Eine Entdeckung ist das Thema nicht.

Was man damit etwa für eine andere Wirtschaftsweise anfangen kann, das wäre das Thema gewesen. Doch so weit reichte dieser Abend nicht.

Wie man aus dem Teufelskreis der Warenzirkulation heraus kommt, darauf hatte der Referent eine einfache Antwort: nicht mehr so viel konsumieren. Seiner Ansicht nach ist es das Unbewusste, das uns daran hindert, die Konsequenzen aus unseren - richtigen - Einsichten über die Mängel unseres Wirtschaftssystems zu ziehen. Wir wüssten, dass unser Wohlstand auf der Ausbeutung von Menschen und Umwelt beruhe. Aber Wissen und Handeln fallen auseinander. Der Grund dafür sei das Imaginäre.

Welchen Erklärungswert der psychologische Ansatz zur Welterklärung auch haben mag, es gibt durchaus rationale Gründe, sich „systemkonform" zu verhalten, der „Religion Wachstum" weiter zu huldigen. Schließlich hängt mehr davon ab als das individuelle Wohlergehen. Alle gesellschaftlichen Teilsysteme beruhen auf Wachstum. Schon drei Prozent Rückgang am Bruttosozialprodukt ist eine Krise, mit den möglichen Folgen sozialen Elends, verschärfter Naturausbeutung oder dem Vormarsch faschistischer Bewegungen. Um nur einige mögliche Konsequenzen zu nennen. Deshalb ist nicht nur die Kritik an der Wachstumsgesellschaft rational, sondern auch das Festhalten an ihr. Mit den Kategorien der Psychologie, noch dazu der Individualpsychologie, ist dabei kein Nährwert verbunden.

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