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Unabhängige Bauernstimme
Zeitung der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft – AbL

Ausgabe April 2014

Gegen das unrechtmäßige Abpflügen von Wegeseitenräumen

Hohes Bürgerinteresse bei Gemeinde-Veranstaltung im wendländischen Clenze

Es ging um „verschwundene Feldwege“, um das Abpflügen von Wegeseitenräumen und um deren Schutz: Bei einer Podiumsdiskussion drängten sich die Bürger, Landwirte und Kommunalpolitiker aus dem Ort und aus vielen anderen Gemeinden im „Culturladen“ in Clenze (Wendland). Der Bürgermeister hatte eingeladen, eine vorbereitende Arbeitsgruppe berichtete über den bislang „stiefmütterlichen Umgang“ mit den gemeindeeigenen Wegrändern.

 

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Rückzugs- und Verbindungs-Räume

Allein in Clenze gebe es 160 km Wegränder – das ergebe schon bei zwei Meter breiten abgepflügten Streifen zusammen 32 Hektar fehlende Biotopfläche: Immer wichtigere Rückzugsräume für bedrohte Wildpflanzen und zahlreiche Arten in der immer intensiver genutzten Landschaft, wie Herr Guckeisen von der Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises betonte, die das Naturschutzgesetz als „Ödland“ und als Biotopverbund ausdrücklich schützen soll (öffentliche Flächen der Kommunen sogar in „besonderer Weise“). In Nordostniedersachsen sei diese gesetzliche Aufgabe auch eine besondere Chance, weil hier die alten Wirtschaftswege in der Regel 9 bis 13 Meter breit waren – deren damalige Mitte aber manchmal nicht mehr exakt der heutigen Weg-Mitte entspreche). Heinke Helm als Vertreterin des Landschaftspflegeverbands (einst aus einem Kräuterheu-Projekt entstanden) wandte sich gegen ein zu frühes und standardisiertes Mähen – man müsse das zum Schutz der Arten und ihrer Samenverbreitung etappenweise machen, unter Umständen auch nur alle 3 Jahre. Wegeseitenräume mit ihrer „wilden Dauer-Vegetation“ seien total zu unterscheiden von angesäten, einjährigen Pflanzen auf Blühstreifen auf Flächen der Landwirte – die Vielfalt auf den Wegrändern müsse man vor allem jungen Landwirten zeigen. So genannte „Problemunkräuter“ wie Distel und Beifuß wüchsen auf den Seitenräumen nur da, wo diese verletzt oder intensiv mitgedüngt würden – ansonsten erfolge die Regulierung durch andere Pflanzen (dies gelte auch für die angebliche Mutterkorn-Infektion des Getreides durch Wegrandpflanzen, so ein Hinweis aus dem Publikum). Ein Imker betonte die Bedeutung auch einzelner Blüten der Wildpflanzen-Vielfalt für die Gesundheit der bis zu 400 Wildbienenarten.

Kooperation, Stasi und Feldblöcke

Bauernverbands-Vertreter Detlef Schlademann wies auf die Bereitschaft von Landwirten zur Kooperation bei den Wegeseitenräumen auf Gemeindeflächen und parallel dazu auch bei der Anlage von Blühstreifen auf den Äckern hin. Sein Bauernverbands-Kollege Volker Voss sah das offenbar anders: Zu viele Leute steckten ihre Nase in Angelegenheiten der Landwirte, würden den Bauern gleich beim Absägen eines Baums anzeigen, das erinnere an Stasi-Methoden. Laut Stefan Kleuker von der Landwirtschaftskammer Niedersachsen kann man bei der Flächenkontrolle für die Direktzahlungen die Überschreitung der Kataster-Grundstücksgrenzen nicht erfassen – das Feldblocksystem berücksichtige diese Parzellengrenzen nicht und gehe beim Überfliegen der optischen „Feldblöcke“ zur Flächenberechnung von den neu geschaffenen Feldgrenzen als „nicht veränderlichen Grenzen“ aus. Fünf Meter Grenzüberschreitungen lägen zudem im tolerablen „Unschärfebereich“ der Fotos, die man den Regionalentwicklungsstellen zur Verfügung stelle . Es sei Aufgabe der Gemeinden und nicht der Kammer, die Flurgrenzen oder die Nutzungsrechte der Wegeseitenräume zu prüfen - insofern könnten Landwirte ihre unrechtmäßig beackerten Flächen sogar gefördert bekommen, wenn die beantragten und die per Luftbild gemessenen Flächenangaben übereinstimmten.

Forderungen an die Gemeinde

Diese Tatsache, dass alles gefördert werde, „was unter dem Pflug ist“, stieß auf heftige Kritik im Publikum, viele Teilnehmer berichteten empört über besonders krasse Fälle illegalen Abpflügens: „Was würden die Landwirte denn sagen, wenn andere Berufskollegen beim Pflügen die Grenzen zwischen den Äckern nicht beachten würden?“ Die Kritik des Kammervertreters an den - laut EU-Agrarreform vorgeschriebenen - 5% besonders umweltgerechten Flächen mit Hinweis auf ohnehin knappe Flächen für Ernährung und nachwachsende Rohstoffe wurde mit Kopfschütteln bedacht. Der Forderung nach einem Mindestabstand von Bäumen oder Hecken zu benachbarten Ackerrändern wurde entgegnet, das Nachbarschaftsrecht gelte hier nicht. An Naturschutzbehörde, Gemeinde und an Bürgermeister Liwke (CDU) wurden deutliche Forderungen gestellt, nunmehr den Schutz und auch die geeignete Pflege der Wegeränder zu gewährleisten, eine geeignete Pflege könne vielleicht sogar finanziell günstiger kommen als das bisherige Intensivmähen. Der Geschäftsführer des Maschinenrings bedankte sich für die Veranstaltung und rief alle Landwirte auf, „die Grenzen einzuhalten“. Offen blieb allerdings, so der Bericht in der lokalen „Elbe-Jeetzel-Zeitung“, „was geschieht, wenn das nicht passiert“?

 

 

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