ejzmini.gif (1299 Byte)

vom 12.10.2012

»Kein Wohlstand ohne Plünderung»

Professor Niko Paech stellt in Lüchow sein Gegenmodell einer Postwachstumsökonomie vor

by Lüchow. Dass es mit der Erde und den Menschen zu Ende geht, wenn alles so weiter läuft wie bisher, ist keine so neue Nachricht. Doch viel getan hat sich seit dem Bericht an den Club of Rome 1972, dem Brandt-Report 1981 und dem Brundtland-Bericht 1987 nicht.

10okt.jpg (19906 Byte)

Hermann Klepper von der Arbeitsgemeinschaft Natur und Umwelt hatte den an der Uni versität Oldenburg lehrenden und forschenden Wirtschaftswissenschaftler und Wachstumkrititker Professor Niko Paech (links) nach Lücho eingeladen

Aufn.: Ch. Beyer

Diese drei Studien setzen sich alle mit der Frage auseinander, was zu tun ist, damit die Erde auch für zukünftige Generationen eine sichere Heimat ist. »Heute haben 20-Jährige drei Handys durchgebracht und mehr CO2 verballert als mein Großvater mit Ende 70», sagte Professor Niko Paech am Mittwoch in Lüchow. Der ist Wirtschaftswissenschaftler an der Universität in Oldenburg. Er will sich angesichts der existenziellen Probleme nicht vor einer Antwort drücken und liefert mit der Postwachstumsökonomie einen Gegenentwurf zu der bisherigen Ideologie, dass mit Wachstum, und sei es auch noch so grün, alles und überall besser wird.

Sein Konzept stellte er am Mittwochabend im vollbesetzten großen Saal des Lüchower Ratskellers vor. Eingeladen hatte ihn der ANU, der Arbeitskreis Natur und Umwelt. »Unser Wohlstand beruht auf Plünderung am Anfang und ökologischer Schädigung am Ende, denn wir sorgen dafür, dass die Dinge zu Abfall werden», sagt Paech. Unterschiedlich ist dabei nur die Dauer zwischen dem Anfang und dem Ende: Ganz kurz bei einem Einweggetränk, länger etwa bei einem Jacket. Indem die Produktion fast jeder Ware immer weiter aufgeteilt wird, um die Gesamtkosten zu reduzieren, hat nahezu jedes Produkt eine Weltreise hinter sich, bevor es bei den Konsumenten landet: »Da gibt es keine Ausnahme.» Die Folge sind Klimawandel - »ohne Klimaschutz wird alles nicht mehr sein» -, Ölverknappung, Armut und Hunger, Verschuldung, Finanzchaos und »unbeherrschbare Modernisierungsrisiken» wie Fukushima. In Sachen Klima und Öl machte Paech in seinem Vortrag Abhängigkeiten bewusst.

Erstens: Das Zwei-Grad-Klimaschutzziel, auf das sich die Welt mehr oder weniger geeinigt hat, verhindere keineswegs, dass Teile der Welt unbewohnbar würden. Nähme man dieses Ziel aber ernst, dürfte jeder Mensch auf der Erde nur durchschnittlich 2,7 Tonnen CO2 verursachen, zurzeit sind es elf Tonnen. Eine Flugreise nach New York schlage mit 4,2 Tonnen zu Buche. Zweitens: »Nichts ist ohne Öl erhältlich», das gelte sowohl für das Mineralwasser, das alkoholfreie Hefeweizen oder den Öko-Apfel aus dem Bioladen: Auch der musste gelagert und transportiert werden. Die Strategie, durch neue Technik die Welt zu retten, verbessere nichts, denn »Wachstum und gleichzeitige Entlastung der Ökosphäre - das geht nicht», sagte Professor Paech.

Sein Gegenmodell der Postwachstumsökonomie fußt auf Rückbau (Suffizienz) und Um-bau (Subsistenz). Es geht dabei um die »Abrüstung unserer Ansprüche an materielle Selbstverwirklichung». Das müsse weder romantisch noch moralinsauer sein, meint er, sondern verlange vor allem ein Umdenken im Kopf und dann entsprechendes Handeln, auf dass die vorgeführte Praktik dann auch andere zu Nachahmern werden lässt. Professor Paech weiß aber auch: »Wir waren uns bisher immer zu vornehm, so zu leben, wie wir reden».

Rückbau bedeute nicht Verzicht, sondern ein »Einpendeln zwischen Askese und Maßlosigkeit», Ballast abzubauen, den eigenen Lebensstil zu entschleunigen. Am Ende führe suffiziente Mäßigung zur Aufwertung des Konsums, der in seiner heutigen Maßlosigkeit längst nicht mehr glücklich mache. Elemente des Umbaus seien Eigenproduktion, Nutzungsverlängerung durch Reparatur, Gemeinschaftsnutzung - »wer sich Bohrmaschine oder Digitalkamera mit jemandem teilt, kann die Produktion halbieren» - , Leistungstausch in sozialen Netzen oder auch ge-meinnützige Arbeit. Dazu braucht es eine regionale Ökonomie, die Wertschöpfungs ketten entglobalisiert, Unternehmensformen wie Genossenschaften, die mit geringen Renditen korrespondieren, und Regionalwährungen ohne Zins.

In Paechs Postwachstums-ökonomie teilen sich 40 Stunden Arbeitszeit auf 20 Stunden Erwerbsarbeit und 20 Stunden Eigenarbeit auf.

Ganz ohne globalisierte Industrie werde es nicht gehen, sagt er auch, aber deren Anteil werde so klein sein, dass das Zwei-Grad-Klimaziel erreichbar sei.

 

Bezugsquelle:

Amtliches Kreisblatt Lüchow-Dannenberg
Verlag und Druck:
Druck- und Verlagsgesellschaft Köhring & Co.
Wallstraße 22-24,
29439 Lüchow

Telefon: (05841) 127 - 0
Redaktion:
Tel.: (05841) 127 160
Fax:: (05841) 127 380
Anzeigen und Verlag:
Tel.: (05841) 127 150
Fax: (05841) 127 350

http://www.ejz.de


zurück zur Homepage